Ladoga

Ladoga (seit 1704 Staraja /Alt Ladoga) liegt im Nordwesten Russlands in der äußersten Peripherie des ostslawischen Altsiedellandes, 12 km südlich der Mündung des Volchov in den Ladogasee und 10 km nördlich der Gostinopol’schen Stromschnellen (dem schwierigsten Abschnitt der 200 km langen Flussstrecke vom Ilmensee zum Ladogasee).

Bereits in spätneolithischer Zeit und wieder in der frühen Eisenzeit wird der Ort besiedelt. Grund dafür ist seine günstige Lage am Volchovufer. Der Fluss macht hier eine letzte große Schleife, vom Norden her mündet die Ladozka, der letze große Zufluss im oberen Flussabschnitt. Die Ladozka nimmt ihrerseits unmittelbar vor der Einmündung von Südwesten her die Zakljuka auf. Diese drei Flüsse bilden eine ca. 3 mal 5 km messende Fläche von erhöhten Wiesenterrassen, die sich als Siedelland in der ansonsten großteils sumpfigen Landschaft anbieten. Sie ermöglichen eine agrarische Nutzung, wie sie die Umgebung aufgrund der Sumpflandschaft kaum zulässt. (Noch heute werden im unmittelbaren Umland nur ca. 5% der Fläche beackert.)

Die älteste frühmittelalterliche Besiedlung in Ladoga wird meistens mit der ersten Erwähnung 753 n. Chr. Gleichgesetzt, wobei Dendrodaten des ältesten Bebauungshorizontes bis in die 30er- und 40er-Jahre des 8. Jahrhunderts zurückreichen.
Die langjährigen Grabungsaktivitäten ergaben für Ladoga 5 Haupthorizonte (A-E). Die Erhaltungsbedingungen verschlechtern sich ab den Schichten des 11. Jahrhunderts, bedingt durch Bodenverhältnisse und massivere moderne Störungen. Dadurch erschwert sich auch die Siedlungserfassung für das hochmittelalterliche Ladoga.

Der Name

Der Name Ladoga geht auf die finnische Bezeichung “Aldejogi” für den Volchovzufluss zurück, aus der die skandinavische Umsetzung “Aldeigia/Aldagia” (-> Aldeiguborg) und später das slawische “Ladoga”, mit dem auch die Flussbenennung der Ladozka in Verbindung steht.

Der Strukturwandel im 10. Jahrhundert

Ab den 30er-Jahren des 10. Jahrhunderts verändert sich das Siedlungsbild Ladogas. Anstelle der unsystematisch angeordneten Einzelgehöfte mit ihren großen Häusern treten kleinere Gebäude, vorwiegend in Blockbauweise, die sich eng gedrängt in Reihen mit der Giebelseite an in Nord-Süd Richtung verlaufenden Straßenzügen orientieren. Dieser Bebauungstyp zeichnet sich zuerst im älteren Siedlungsteil am rechten Volchovufer ab, ist am linken Ufer (insbesondere in der sogenannten Warägerstraße) aber nur eine Generation später, ab dem 3. Viertel des 10. Jahrhunderts nachgewiesen. Mit der veränderten Siedlungsstruktur geht eine merklich erhöhte Bebauungsdichte einher. Im Grabungsfenster am rechten Volchovufer steigt die bebaute Fläche von 14-20% (Horizont E) auf 35,5 %, in Horizont III der Warägerstraße (der in die 80er/90er-Jahre des 10 Jahrhunderts datiert) sogar auf 57,1% ohne Wege und Holzpflasterung! Zu erklären ist dieser massive Anstieg der Siedlungsdichte durch eine starke Zuwanderungswelle, vorwiegend von Slawen aus dem Südwesten. E. Mühle nimmt für das Ende des 10. Jahrhunderts die Einwohnerzahl Ladogas zwischen 1700 und 2800 an.
Die lange Zeit vorherrschende Meinung, der kleinräumige Blockbau sei ab dieser Zeit der einzige Gebäudetyp in Ladoga, ist zu revidieren. Zwar herrschen diese “Reihenhäuser” mit einer Grundfläche von 14-36 m² vor, 3 größere Wohnbauten (Grundfläche 50-70 m²) in der Warägerstraße zeigen aber ein differenzierteres Siedlungsbild.

Zwei besondere Großbauten seien an dieser Stelle noch erwähnt:

Am rechten Volchovufer entstand, durch Dendrodaten belegt in den 20er- und 30er-Jahren des 10. Jahrhunderts, ein ca. 120 m² großes Gebäude, dessen Ausrichtung sich auf einen 170 m² messenden Vorgängerbau aus Horizont E1 bezieht und somit aus der strengen Nord-Süd Orientierung der zeitgleichen umliegenden Bebauung fällt. Die Funde aus diesem Haus geben keinen Hinweis auf hausgewerbliche bzw. handwerkliche Aktivitäten. Dafür weist das Fundinventar (Spielsteine, Feingewichte, Glaswürfel nahöstlicher Provenienz, eine Brettspielfigur sowie eine bemerkenswerte Anzahl an Perlen (vorwiegend aus Glas) auf eine besondere Nutzung hin. Dendrodaten zeigen eine Nutzung bis in die 60er-Jahre des 10. Jahrhunderts.

Ein weiterer Großbau findet sich am linken Volchovufer in der Warägerstraße. Das ebenfalls 120 m² messende rechteckige Gebäude entstand (nach Dendrodaten) in den 60er-Jahren des 10. Jahrhunderts. Es ist in mehrerlei Hinsicht auffällig: die Konstruktion bestand aus einer 2-2,5 m hohen doppelten Holzwand, weist aber keine Spuren von Fußböden oder Dachkonstruktion auf. Es ist daher anzunehmen, dass der Doppelzaun eine Freifläche umschloss. Die Vergleiche mit dem westslawischen Tempelbezirk von Groß Raden sowie der Beschreibung des Heiligtums von Arkona bei Saxo Grammaticus verleiten zur Deutung des Baus als Kultplatz. Die Funde innerhalb der Holzwand weisen jedoch unbestritten in ein skandinavisches Milieu. Es ist also denkbar, dass hier eine (vorwiegend) skandinavische Kultstätte des späten 10. Jahrhunderts vorliegt, die auf dem Gebiet des heutigen Russland keine Vergleiche hat. Das Gebäude wird zwischen 986 und 991 intentionell zerstört.

Die Burganlage in Ladoga

Neben einer archäologisch nicht fassbaren aber in der Hypatiuschronik erwähnten hölzernen Befestigung, die der legendäre Rurik 862 errichtet haben soll, gilt eine Burganlage für das 10. Jahrhundert als gesichert, die auf dem vorher unbebauten Geländesporn im Mündungswinkel der Ladozka errichtet wurde. Eine Datierung in die 940er-Jahre (über die Keramik) wird durch die Schriftquelle “de administrando imperio” von Konstantin Porphyrogennetos gestützt. Dort wird die Festung Nevogardas/Nebogardas erwähnt, die meist fälschlich mit Novgorod gleichgesetzt wird. Bedenkt man den ursprünglichen Namen des Ladogasees, nämlich NEVOsee, wird die These eindeutiger. Auch wird in der Literatur für Novgorod als frühester Errichtungszeitpunkt einer Burg 1044 genannt.
Die steinerne Befestigungsmauer der Anlage von Ladoga besteht vorwiegend aus flachen Kalksteinplatten und konnte an der Westseite über eine Länge von 45 m nachgewiesen werden, partiell auch im Nordostbereich. Die dokumentierten Mauerstärken liegen zwischen 1,5 und 2 m. Die ursprüngliche Höhe wird zwischen 2,5 und 2,8 m angenommen.

Die Bedeutung Ladogas

Mit dem Befund einer steinernen Befestigungsanlage geht ein Funktionswechsel der Siedlung einher. Ladoga erweitert seine Stellung, zusätzlich zu einem wichtigen Handelsort tritt nun die Funktion eines politischen Zentralortes in den Vordergrund. Diese Veränderung deckt sich zeitlich relativ gut mit jener der Siedlungsstruktur, sodass man einen ursächlichen Zusammenhang vermuten kann.
Die große Bedeutung Ladogas zu jener Zeit zeigt sich noch eindeutiger, vergleicht man für unseren Darstellungszeitraum (2. Hälfte des 10. Jahrhunderts) die oben erwähnten Prozentzahlen in der Bebauungsdichte (35,5 % bzw. 57,1 %) mit zeitgleichen Befunden aus Novgorod, das eine Bebauungsdichte von 6,3 bis 10 % aufweist! Die “Neue Befestigung” (Nov-Gorod) ist, wie der Name bereits vermuten lässt, eine jüngere Siedlung, deren Bedeutung im 10. Jahrhundert relativ gering ist, im 11. Und 12. Jahrhundert jedoch massiv zunimmt. Die politische und wirtschaftliche Funktion Ladogas geht dabei großteils verloren.

Das Ende der frühstädtischen Siedlung am Ladogasee

Einer der Gründe für die schnelle Aufstiegsmöglichkeit Novgorods und Hauptgrund für den gleichzeitigen Bedeutungsverlust Ladogas im 11. Jahrhundert stellt die Belagerung Ladogas durch den norwegischen Jarl Erik am Ende des 10. Jahrhunderts dar. Die schriftlichen Quellen sprechen von einer langen und schwierigen Belagerung. Die letzten Endes siegreichen Norweger zerstörten die Siedlung völlig. Archäologisch spiegeln sich die Ereignisse in der Zerstörungsschicht der ältesten Burganlage sowie in Schuttschichten eines Großbrandes in Horizont III und II in der Warägerstraße (Ende 10./Anfang 11. Jahrhundert). Nach der Zerstörung scheint die Siedlung eine längere Zeit gebraucht zu haben um sich zu erholen. Der Wiederaufbau folgt einer weit weniger dichten Siedlungsstruktur und dabei wahrscheinlich bald im Zeichen der mittelalterlichen Stadt Ladoga, die ihre Funktion im Schatten des mächtigen Novgorod als Verkehrsknotenpunkt erhält. So erwähnen etwa noch die Novgoroder Handelsverträge aus dem 13. Jahrhundert die Bedeutung des in Ladoga stationierten Lotsen- und Schifffahrtsdienstes.

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